04. Februar 2016

Was an Wissen durch die Schließung des Botanischen Gartens verloren geht...

 

Die Texte werden bleiben, doch wo soll man die Zaunrübe denn sehen? Erkennt man sie?

Unsere heimischen Blumen im Saarland (Folge XII)

Spätestens seit der Lektüre und den Filmen von „Harry Potter“ kennt sie fast jeder, die sagenumwobene Alraun-Pflanze. Ohrenbetörend schreien soll sie, versucht man sie aus der Erde zu entnehmen und fürchterlich wird ihre Rache sein….

Die Zaunrübe

War die Zaunrübe (Fotos 1 + 2) nun unsere ursprüngliche oder schon immer die falsche Alraune oder nur die der armen Leute? Bei diesem Rätsel unserer Kulturgeschichte ist eines gewiss: Um kaum eine andere Pflanze unseres germanischen Kulturkreises ranken sich derart viele Mythen wie um die Alraune.
Zu heutiger Zeit besteht Konsens, dass unter diesem Namen die rauschgiftige Mandragora officinarum (Foto 3) gemeint ist, ein nur im Mittelmeergebiet heimisches Nachtschattengewächs. Allerdings konnten die Germanen zur der Zeit vor den Römerzügen diese Pflanze kaum gekannt haben. Sicherlich kannten sie aber unsere einheimische Zaunrübe (botanisch: Bryonia dioica), ein an Buschwerk oder Zäunen rankendes Kürbisgewächs, welches gelegentlich als die germanische Ur-Alraune angesehen wird.
Beiden Pflanzen gemeinsam ist eine dicke fleischige Wurzelrübe, welche manchmal ähnlich einer Karotte von Natur aus der Gestalt eines Menschen nahe kommt. Daher wurden wohl zunächst beide in den verschiedenen europäischen Kulturen zur Zeit des Altertums als solche betrachtet, als kleine menschenähnliche Lebewesen. Und hat die Natur in der Ausgestaltung der Rübe etwas versagt, so halfen unsere Ahnen mit dem Schnitzmesser nach und gaben dem so genannten Alraunmännlein (es gab übrigens auch Weiblein!) noch Augen aus Wacholderbeeren und Haare aus Garn.
Der Name Alraun entstammt wohl dem elfenähnlichen Wesen „Albruna“, einer auf die göttliche Seherin Aurinia zurückgehenden Gestalt der germanischen Mythologie. Aus dem Wortstamm „runa“ leitet sich übrigens der Begriff „Runen“ ab, die geheimen Schriftzeichen der Germanen, und noch heute bezeichnet das Wort „Raunen“ ein geheimnisvolles Flüstern. Und so kannte auch das Alraunmännlein alle Geheimnisse der Welt und brachte demjenigen, der es als Talisman mit sich trug, Gesundheit, Reichtum und Lebensglück.
Allerdings war es nicht ganz ungefährlich, sich einen solchen Glücksbringer zu beschaffen, denn beim Ausreißen der begehrten Wurzel fing das Männlein derart zu schreien an, dass man auf der Stelle tot umfiel. So bediente man sich gerne der trickreichen Methode, das Wurzelwerk an einen Hund zu binden, der beim Fortlaufen das Ausreißen erledigte, zum Leidwesen des Hundes. Zudem waren einige rituelle Handlungen sowie das Aufsagen von diversen Beschwörungsformeln unerlässlich.
Im Mittelmeerraum wurde ein solcher Kult mit der Mandragora betrieben. Bereits Pythagoras hielt die Pflanze für einen verwandelten Menschen und so benutzten die alten Griechen und Römer diese der Zauberin Circe geweihte Wurzel als Amulett gegen Hexerei. Nach dem Kontakt der Germanen mit den Römern haben unsere Vorfahren ihren Alraunenkult vermutlich auf die schwer zu beschaffende, zudem rauschgiftige und damit wertvollere Mandragora übertragen. Fortan galt die Zaunrübe nur noch als falsche Alraune oder die der armen Leute.
Doch der Mythos sollte eine weitere Änderung erfahren. Den Christen nämlich war dieser Aberglaube allzu sehr verbunden mit den alten Gottheiten unserer Urahnen und so betrachtete man das Alraunmännlein eher als einen Dämonen. Geboren wurde dieser gemäß der neuen Legende aus dem abtropfenden Harn oder Samen eines Gehängten und war daher nur unter einem Galgenbaum zu finden. Seinen Träger führte der Alraun zwar zu Reichtum, aber auch ins Verderben. Als Ebenbild des Teufels sorgte er für Mord und Totschlag in dessen Familie. So sollte sein Besitzer letztlich selbst an dem Galgen enden, unter welchem er einst die Wurzel ausgegraben hatte.

Text: Wolfgang Stein, Botanischer Garten der UdS

 

 


 

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